Leben mit Beinamputation und Beinprothese

Surfer mit Board und Beinprothese steht am Meer- Perspektivenwechsel mit Prothesen
Surfer mit Beinprothese am Strand ©pexels

Bein ab…was nun? Ich konnte mir nach meiner Beinamputation überhaupt nicht vorstellen, wie ich auf Beinprothesen wieder laufen sollte. Mir war schon klar, dass ich kein Piratenholzbein bekommen würde, aber ich dachte es würde sich anfühlen wie auf Stelzen zu laufen. Zum Glück ist das nicht der Fall!

Die Prothesenversorgung ist sehr individuell, denn keine Anwendergeschichte gleicht der anderen und wir Amputees haben auch ganz unterschiedliche Ansprüche an unsere Versorgung. Nachfolgend habe ich die aus meiner Sicht wichtigsten Informationen zum Thema Beinprothesen für euch zusammengestellt.

Der Aufbau einer Beinprothese

Aus welchen Bestandteilen eine Beinprothese besteht, hängt von der Amputationshöhe ab.

Je nachdem wo amputiert werden musste (z. B. Fuß, Knie- oder Hüftgelenk) müssen entsprechend verschiedene Prothesenpassteilen verwendet werden. Zwischen den einzelnen Prothesenpassteilen gibt es Verbindungselemente, mit Hilfe derer z. B. die Höhe der Prothese individuell angepasst werden kann oder teilweise auch zusätzliche Funktionen erfüllt werden können.

Folgende Prothesenpassteile gibt es generell:

2 schwarze Beinprothesen aus Carbon mit Fußkosmetik-
Perspektivenwechsel mit Prothesen

Der Prothesenschaft ist die Verbindung zwischen dem Beinstumpf und den anderen Prothesenkomponenten. Der Schaft wird immer individuell aus Carbon angefertigt und ein gute Passform ist Voraussetzung dafür, dass eine befriedigende Prothesenvesorgung sichergestellt wird.

Adapter und Verbindungselemente fügen die verschiedenen Prothesenbauteile zusammen.

Bei den Prothesenfüßen gibt es eine riesige Auswahl von verschiedenen Herstellern in verschiedenen Ausführungen. Meine Erfahrung ist, dass es den Prothesenfuß der Alles kann noch nicht gibt, also überlegt euch am Besten was für euch bei der Versorgung wichtig ist und testet verschiedene Füße.

Erstversorgung – Die Interimsprothese

Bei jeder neuen Beinprothese wird zuerst eine vorläufige Prothese (Interimsprothese) angefertigt. Diese wird noch nicht mir Carbon hergestellt, damit der Schaft leicht an die variierende Form des Beinstumpfes angepasst werden kann vom Orthopädietechniker. Bei frisch amputierten Patienten reduziert sich der Umfang des Beinstumpfes innerhalb der ersten Monate, abhängig vom Abklingen der Schwellung und dem Verlauf der Wundheilung.

2 Beinprothesen in der Interimsphase der Prothesenanpassung- 
Perspektivenwechsel mit Prothesen
Interimsprothesen mit leicht anpassbaren durchsichtigem Schaft

In der Interimsphase, welche bis zu 6 Monaten dauert, können außerdem bereits unterschiedliche Bauteile wie zum Beispiel Kniegelenk oder verschiedene Füße getestet werden, welche bei der endgültige Prothese (Definitivprothese) verwendet werden. Die Passform der Prothese wird während dieser Probephase immer wieder durch den Orthopädietechniker verbessert, so dass bei der Definitivprothese mit Carbonschaft, möglichst keine Passformprobleme auftreten.

2 Beinprothesen als Definitivversorgung - Perspektivenwechsel mit Prothesen
Definitivversorgung Beinprothesen mit Carbonschaft

Später kann Gewichtszunahme oder -abnahme dazu führen, dass es Volumenänderungen des Stumpfes gibt und der Schaft dadurch nicht mehr optimal passt. Generell sollte man also als Prothesenträger darauf achten sein Gewicht zu halten. Zwar lassen sich solche Formveränderungen bis zu einem gewissen Maß ausgleichen, doch irgendwann passt der erste Schaft nicht mehr und muss entsprechend vom Orthopädietechniker angepasst werden oder auch komplett neu gefertigt werden.

Wie war das eigentlich bei dir?

Wenn ihr gerne mehr über meinen Weg zu meiner ersten Beinprothese wissen wollt, dann schaut euch die Artikel „Dieser Weg wird kein leichter sein – Start in die Reha“, „Blut, Schweiß und Tränen“ und „Musikalischer Reha-Endspurt“ an.

Die richtige Beinprothese finden

Nach ungefähr 3-6 Monaten ist die Interimsversorgung in den meisten Fällen abgeschlossen und der Stumpf hat seine bleibende Form entwickelt. Jetzt kann der nächste Schritt getan werden – Die Herstellung und Anpassung der Definitivprothese.

Die Auswahl der passenden Passteile richtet sich nach folgenden Anwenderkriterien:

  • der körperlichen Konstitution
  • Nebenerkrankungen
  • dem Alter
  • dem Körpergewicht
  • der Amputationshöhe
  • dem Freizeitverhalten
  • dem Lebensumfeld

Zudem gibt es die Möglichkeit verschiedene Prothesen für unterschiedliche Einsatzzwecke bzw. Anwendungsbereiche zu fertigen:

  • Alltagsprothese – für das Tragen zu Hause, bei Freizeitaktivitäten und am Arbeitsplatz
  • Badeprothese – jedem Amputierten steht eine wasserfeste Prothese zu
  • Sportprothese – auf einzelne Sportarten ausgerichtete Prothesen (z. B. Lauffedern)

Für eine passende Beinprothese müssen das jeweils richtige Gelenk und die korrekte Kombination aus Fuß und anderen Bauteilen (z. B. Liner, Schaft) passend zusammengestellt werden.

Dabei unterscheidet man bei der prothetischen Versorgung grundsätzlich in:

  • mechanische Gelenke – Knie und Fuß
  • bionische/elektronische Gelenke – Knie und Fuß mit künstlicher Intelligenz
  • Sportversorgungen

Optische Versorgung von Beinprothesen

Manchen Anwendern ist es wichtig, dass ihre Beinprothese natürlich wirkt, daher besteht die Möglichkeit die Beinprothese mit einem Überzug zu verkleiden. Aktuell gibt es dafür 3 Möglichkeiten:

2 Beinprothesen mit kosmetischem Überzug mit hautfarbenem Silikon- Perspektivenwechsel mit Prothesen
Definitivversorgung der Beinprothesen mit Silikonüberzug
2 Beinprothesen mit Cover im Cutout Design auf beiden Seiten in rosegold - Perspektivenwechsel mit Prothesen
Definitivversorgung der Beinprothesen mit 3D-Druck Cover

Wem es egal ist, ob die Prothese in ihrer Form dem ursprünglichen Bein gleicht und dennoch auf individuelle Gestaltung nicht verzichten will, der hat zudem die Möglichkeit den Schaft mit dem eigenen Wunschmotiv bedrucken zu lassen bei der Anfertigung. Deiner Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt!

Welche Arten von Beinprothesen gibt es?

Unterschenkelamputation

Wird das Bein unterhalb des Knies amputiert, spricht man von einer Unterschenkelamputation. Die Funktionen des Kniegelenkes bleiben vollständig erhalten. In diesem Fall ist eine Prothesenversorgung notwendig, die eine Verbindung zum Fußgelenk schafft und die Funktion des Fußgelenkes ersetzt.

In den letzten Jahren hat sich die Versorgung mit sogenannten Linern durchgesetzt, einem eng anliegenden Strumpf aus Silikon, Polyurethan oder Copolymeren, der über den Unterschenkelstumpf gezogen wird. Dieser haftet so stark auf dem Stumpf, dass er sich nur auf- und abrollen, nicht aber hinunterziehen lässt. Die Prothese ist dadurch sicher mit dem Liner verbunden.

Grauer Silikonliner mit PIN-Lock
Liner mit PIN (= Schraube ist am Liner befestigt und dient der Verbindung mit dem Schaft)

Neben Linern mit PIN haben sich aufgrund des sicheren Haltes und der geringen Belastung des Stumpfes insbesondere Vakuumsysteme etabliert. Dabei wird beim Anziehen der Prothese durch Unterdruck eine sichere Verbindung zwischen dem Prothesenschaft und dem Beinstumpf hergestellt. Hier wird zusätzlich noch eine sogenannte Kniekappe benötigt, also nochmal ein zusätzlicher Liner der über den Schaft gezogen wird. Alternativ gibt es das Vakuumsystem mit Dichtlippen. Je nach Aktivitätslevel haben Kniekappen und Dichtlippen hohen Verschleiß. Eine nicht intakte Kniekappe oder Dichtlippe hat zur Folge, dass das Vakuum nicht mehr gegeben ist und damit die Prothese nicht mehr sicher anhaftet.

Zudem ist bei einer Versorgung mit Kniekappe zu bedenken, dass diese Doppellinerversorgung das Abwinkeln des Knies einschränken kann und das unter Umständen bei Aktivitäten als störend empfunden wird z. B. beim Radfahren.
Probleme können darüber hinaus auftreten, wenn der Stumpf im Liner vermehrt schwitzt und es zu Hautproblemen kommen kann. Außerdem kommen manche Prothesenträger mit dem unvermeidlichen Zug auf der Stumpfhaut nicht
zurecht.

Neben der häufigsten Versorgung mit Liner und PIN bzw. aktivem/passivem Vakuum, gibt es noch folgende Versorgungen für Unterschenkelamputationen:

  • Weichwand-Innentrichter
  • Unterschenkelprothese mit/ohne Oberschaft

Knieexartikulation

Amputationen im Kniegelenk machen eine Prothesenversorgung notwendig, die die Funktion des Kniegelenkes ersetzt. Im Vergleich zu Unterschenkelversorgungen kommt hier also noch ein weiteres Passteil hinzu: das Knie. Ebenso wie bei den Prothesenfüßen gibt es auch bei den Knien verschiedene Modelle von unterschiedlichen Herstellern.
Hinsichtlich der Schaftversorgung sind auch bei Knieexartikulationen mehrere Varianten möglich:

  • Weichwandinnentrichter
  • Linertechnik mit Ausstoßventil
  • Carbonrahmenschaft mit flexiblem Innenschaft

Weil die Oberschenkelmuskulatur nach einer Knieexartikulation weitestgehend erhalten bleibt, besitzt der Prothesenanwender viel Kraft in seinem Stumpf und kann deshalb die Prothese in der Regel gut steuern. 

Oberschenkelamputation

Wird oberhalb des Knies amputiert, spricht man von einer Oberschenkelamputation, wie bei einer Knieexartikulation muss durch passende Gelenke das Knie und der Fuß ersetzt werden.

Bei einer Oberschenkelamputation geht sowohl knöcherne Belastungsfläche als auch knöcherne Hebellänge verloren. Je kürzer der Stumpf ist, desto stärker verändert sich auch das Muskelgewicht. Um eine Überlastung des Stumpfes zu vermeiden, werden Oberschenkelprothesen so gebaut, dass auch der Beckenknochen einen Teil der Last übernimmt.

Auch hier gibt es verschiedene Varianten der Schaftversorgung:

  • Holzschaft
  • Sitzbeinunterstützender Schaft (Querovaler Schaft)
  • Sitzbeinumgreifender Schaft (Längsovaler, CAT-CAM-Schaft)
  • Carbon- oder Gießharzschaft, mit oder ohne flexiblem Innenschaft, mit oder ohne Liner sowie mit oder ohne aktivem Vakuumsystem
  • MAS-Schaftform
  • VX-Schaftform
Männlicher Anwender im Schwimmbad mit Oberschenkelprothese in Badehose am Beckenrand
Anwender mit Oberschenkelamputation und prothetischer Versorgung ©pexels

Hüftexartikulation/Hemipelvektomie

Amputationen im Bereich der Hüfte stellen besondere Anforderungen an den Patienten, da hier noch ein weiteres Gelenk, das Hüftgelenk, ersetzt werden muss. Zudem fehlen je nach Amputationsart Abstützpunkte, was dem Patienten
bereits das Sitzen erschwert. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Teile des Beckens entfernt werden mussten (Hemipelvektomie).

Bei Hüftexartikulationen wird ein Beckenkorb angepasst, der das Becken teilweise umfasst und an dem die restlichen Passteile – Hüftgelenk, Knie und Fuß – befestigt werden.

  • Hüftkorb aus Carbon oder Gießharz, mit oder ohne flexiblem Innenschaft
  • Geschlossener Schaft mit flexiblem Innenmaterial

Sonderformen bei Beinamputation

Umkehrplastik

Im Gegensatz zur normalen Amputation bietet diese Technik in vielen Fällen eine bessere Funktionsfähigkeit und Stabilität in der betroffenen Extremität. Insbesondere bei Erkrankungen des Knochens (z.B. Osteosarkom) kommt die Umkehrplastik zum Einsatz. Bei notwendiger Amputation des Knies wird der Oberschenkel oberhalb des Knies und der Unterschenkel unterhalb des Knies durchtrennt. Der Unterschenkel wird dann inklusive Fuß am Oberschenkel befestigt, der Fuß zeigt dabei nach hinten. Durch diese besondere Vorgehensweise kann das obere Sprunggelenk die Funktion des Kniegelenks übernehmen und damit die Versorgung mit einer Prothese leichter gestalten. Zudem kommt es, anders als bei Vollamputationen, seltener zu Phantomschmerzen.

Endo-Exo Prothesenversorgung

siehe dazu meinen Blogartikel „Ist Endo-Exo Versorgung die Lösung?“

Wo findest du darüber hinaus Hilfe nach der Beinamputation?

An alle neu dazugekommen Amputees möchte ich noch auf die Möglichkeit des Peer-Counseling, d. h. Austausch mit anderen Betroffenen hinweisen, schaut dazu gerne bei folgenden Blogartikeln über das Peer Projekt vorbei. Wer nicht vergessen werden sollte sind die nächsten Angehörigen, denn sie leiden oft ebenso unter der neuen Situation, daher habe ich euch unter „Leiden in der zweiten Reihe- werden Angehörige gehört?“ weiterführende Anlaufstellen verlinkt.

Zudem habe ich euch im Artikel „Wo finde ich als Amputee erste Hilfe und Informationen“ noch passende Internetseiten, Facebookgruppen und Fachzeitschriften zusammengestellt.

Auch zum Thema Reisen mit Beinprothese und Bewältigung des Alltags mit Beinamputation habe ich euch bereits hilfreiche Blogartikel geschrieben.

Solltet ihr unter Phantomschmerzen leiden dann lest euch gerne den passenden Text mit nützlichen Hinweisen dazu durch und wenn ihr euch fragt was ihr dagegen tun könnt, hilft oft Bewegung und Ablenkung-> Sport unterstützt euch wieder in ein aktives und schmerzfreies Leben zurückzufinden.

Zum Schluss noch einen Ausblick anhand eines Vortrags wie die Prothesen der Zukunft aussehen können und was uns Amputess damit ermöglicht werden soll. Ich bin gespannt, was die technische Entwicklung noch für Überraschungen für uns bereit hält- ich bin überzeugt, es wird großartig!

Da man niemals auslernt und ich gerne auf eure Expertise zurückgreifen möchte, sagt mir gerne Bescheid, wenn ihr Anmerkungen zu den von mir zusammengestellten Informationen habt- mein Blog ist auch dafür da, dass wir voneinander lernen!

Auf eine Übersicht der verschiedenen Prothesenhersteller und ihren Produkten habe ich bewusst verzichtet, da es zum einen eine sehr große Auswahl gibt, die ich sicher nicht allumfassend abbilden kann und zum anderen werde ich keine Empfehlung für bestimmte Versorgungen aussprechen. In Rücksprache mit dem Orthopädietechniker des Vertrauens solltet ihr selbst herausfinden, welche Kombination an Passteilen optimal zu euch passt.

Ich freue mich darauf von euch zu hören und bin für jeden fachkundigen Rat und hilfreiche Erfahrung, die den Artikel bereichern, dankbar.

Eure

CarbonEla Daniela

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