Behinderte als Arbeitnehmer? Nein Danke!

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Wer von euch war schon mal länger arbeitslos, obwohl ihr eigentlich gerne einer Beschäftigung nachgehen wolltet?

Was für ein Gefühl war es Absage um Absage zu erhalten?

Wie ist die Lage für Menschen mit Behinderung auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Menschen mit Behinderung suchen in der Regel doppelt so lange nach einem neuen Job, als Menschen ohne Behinderung, obwohl sie oft gleichwertig oder besser ausgebildet sind.

Es gibt zwar die sogenannte Ausgleichsausgabe, die Unternehmen ab 20 Mitarbeiter zahlen müssen, wenn sie die festgelegte Quote von 5% an behinderten Mitarbeitern nicht erfüllen, aber eine große Wirkung hat das nicht.

Bis zu 320 Euro kostet die Unternehmen diese Ausgleichsabgabe – monatlich. Im Jahr 2018 waren fast zwei Drittel der zur Einstellung von schwerbehinderten Menschen verpflichteten Unternehmen in Deutschland bereit diese Ausgleichsabgabe zu zahlen, anstatt Menschen mit Behinderung einzustellen. Die Ausgleichsabgabe soll zukünftig verdoppelt werden, ob dies den gewünschten Effekt bringt, halte ich allerdings für sehr fraglich.

Warum ist das so?

Ein kleines Beispiel aus dem Alltag, das ich selbst so kürzlich erlebt habe.

Freitagabend: Eine Freundin von mir hat einen Mädlsabend organisiert in größerer Runde beim Italiener und ausser der Gastgeberin kenne ich sonst Keine. Ich sitze gegenüber von 2 Mädls und beim Smalltalk kommt irgendwann das Thema auf den Job. Beide sind im Personalwesen ihres jeweiligen Unternehmens tätig und die eine erzählt dann, dass sich bei ihr ein Bewerber vorgestellt hatte der blind war.

Da die ausgeschriebene Stelle beinhaltete, dass man mit dem Dienstwagen zu anderen Unternehmen fährt und dort Maschinen auf Fehler überprüfen sollte, war der Kandidat für den Job nicht geeignet. Sie erzählte dann weiter, dass der blinde Bewerber nach der Absage vor Gericht gezogen wäre und versucht hätte hier eine finanzielle Entschädigung zu erstreiten. Da erzählt die Andere, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht hat und es wohl „einschlägige schwarze Schafe“ gibt unter den behinderten Bewerbern, die sich nur bewerben, um im Anschluss einen Formfehler im Bewerbungsprozess zu finden und dann eine Klage anzustreben.

Das ich selbst einen Grad der Behinderung von 100 habe, war den Beiden natürlich nicht bekannt und ich lies sie sich dann verbal austoben. Kurz hatte ich mir überlegt, ob ich mich „outen“ sollte als Schwerbehinderte und ich es schade finde, dass sie dadurch so voreingenommen waren. Ich hab es aber der guten Stimmung willen und weil ich keinen Bock auf eine mögliche Diskussion in dem Moment hatte sein gelassen.

Zudem hatte ich das Glück nach meiner Erkrankung, dass ich wieder in meinen alten Job komplett einsteigen konnte und somit musste ich mich bisher noch nicht mit eventuellen Vorurteilen auf dem Arbeitsmarkt rumschlagen.

Folgendes Umfrageergebnis habe ich aber zu dem Thema, auf der Seite von JOBinklusive, gefunden. Hierbei wurden 250 Menschen mit Behinderung zu ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt befragt:

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Ich glaube, dass es oft die Unsicherheit und Unwissenheit der Arbeitgeber ist, die sie davor zurückschrecken lässt, sich für einen Arbeitnehmer mit Behinderung zu entscheiden.

Aber es gibt auf jeden Fall gute Gründe Menschen mit Behinderung eine Chance zu geben!

Grund 1. Gute Fachkräfte gewinnen

Unter Menschen mit Behinderung gibt es im Vergleich mehr gut qualifizierte Fachkräfte als bei Menschen ohne Behinderung. Im Schnitt haben sie häufiger eine abgeschlossene Berufsausbildung als Menschen ohne Behinderung.

Grund 2. Mit Behinderung geht mehr, als man denkt

Umbaumaßnahmen sind meist gar nicht nötig. Die meisten Beeinträchtigungen entstehen aufgrund von Erkrankungen der inneren Organe. So reicht es für Mitarbeiter mit Rückenproblemen aus, ergonomische Stühle oder Stehtische anzuschaffen. Dafür gibt es kostenlose Beratung und finanzielle Hilfen. In Einzelfällen gibt es spezielle Hilfsmittel: Blinde Mitarbeiter können zum Beispiel mit einer Sprach-Software am Computer genauso schnell und effektiv arbeiten wie sehende Kollegen.

Grund 3. Von wegen unkündbar

Einem Mitarbeiter mit Behinderung kann gekündigt werden. Im ersten halben Jahr gibt es – wie für alle anderen – überhaupt keinen Kündigungsschutz. Danach muss das Integrationsamt dem Antrag des Arbeitgebers zustimmen, was es in 75 Prozent der Fälle tut.

Grund 4. Finanzielle Vorteile

Bis zu 96 Monate lang kann der Arbeitgeber bis zu 70 Prozent des Lohns vom Integrationsamt zurückbekommen, wenn er einen Mitarbeiter mit Schwerbehinderung einstellt. Und auch danach kann die Unterstützung weitergehen: entweder durch eine zusätzliche Assistenzkraft oder durch einen Beschäftigungssicherungszuschuss.

Grund 5. Gutes Image fürs Unternehmen

„Diversity“ – „Vielfalt“: In vielen großen Konzernen ist sie nicht
mehr wegzudenken. Denn wer im Unternehmen ein gutes Miteinander hat, stößt auch auf öffentliches Interesse. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie verschiedene Bundesländer verleihen jedes Jahr Inklusionspreise; viele Medien
berichten darüber. Das sorgt für Aufmerksamkeit bei Bewerbern
und Wirtschaftsverbänden – und für gute Netzwerke

Grund 6. Enge Bindung ans Unternehmen

Wenn sie sich einem Unternehmen zugehörig fühlen, so ist ihre Loyalität oft besonders ausgeprägt.

Grund 7. Beratung ist immer zur Stelle

Spezielle Reha-Teams der Arbeitsagenturen bieten Beratung und Unterstützung
an, um Arbeitsplätze für die neuen Mitarbeiter passgenau einzurichten. Die Integrationsämter helfen dabei, vorhandene Arbeits- und Ausbildungsplätze zu sichern. Beratung und Begleitung sind in beiden Fällen kostenfrei.

Integrationsfachdienste begleiten vor Ort, zum Beispiel in der Einarbeitungsphase. Aber auch die Renten-, Unfall- und Krankenversicherungen unterstützen Unternehmer, die Menschen mit Behinderung einstellen wollen.

Grund 8. Vielfalt sorgt für neue Ideen

Wer im Alltag mit Einschränkungen zurechtkommt, bringt auch im Beruf neue und ungewohnte Denkansätze mit. Studien zeigen, dass bunt gemischte Teams kreativer und besser arbeiten als einheitliche Arbeitsgruppen. „Erst die
Vielfalt der Stärken macht Unternehmen letztlich auch wettbewerbsstark.

Grund 9. Barrierefreiheit im Unternehmen ist für alle gut

Breite Türen, Fahrstühle und eine gute Akustik sind für alle angenehm: Wenn etwas Schweres transportiert werden muss, wenn ein Mitarbeiter sich ein Bein
bricht oder eine Kundin mit Kinderwagen in die Firma kommt, wird das deutlich. Auch die digitale Barrierefreiheit im Unternehmen nutzt allen. Immerhin haben rund
zehn Prozent der deutschen Bevölkerung eine Behinderung. Durch Barrierefreiheit und Zugänglichkeit können neue Kunden gewonnen werden.

Ich hab die guten Gründe aus der Broschüre von Aktion Mensch zu diesem Thema übernommen. Die komplette Broschüre findet ihr hier:

https://www.aktion-mensch.de/inklusion/arbeit/menschen-mit-behinderung-einstellen.html

Weitere nützliche Links zum Thema:

myAbility.jobs – Jobplattform für Menschen mit Behinderungen https://www.myability.jobs   

myAbility Talent Programm – Karriereprogramm für Studierende mit Behinderung https://karriere.myability.jobs/myabilitytalent  

myAbility Social Enterprise GmbH – Unternehmensberatung für Inklusion und Barrierefreiheit www.myAbility.org

www.jobinklusive.org

www.iXNet-projekt.de (Netzwerk von/für Akademiker*innen mit Behinderung)

www.access-inklusion.de

www.kofa.de (Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung)

www.rehadat.de

www.rehacare.de (Hilfsmittelversorgung für den Arbeitsalltag)

Wie sind eure Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt mit eurer Behinderung? Habt ihr eure Behinderung in der Bewerbung gleich aufgenommen oder erst im Vorstellungsgespräch darüber gesprochen?

In der Umfrage von JOBinclusive hat sich dazu folgendes Stimmungsbild ergeben:

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Endstation Behindertenwerkstätten?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung in Werkstätten (nachfolgend WfMB= Werkstätten für Menschen mit Behinderung). Über 300.000 Menschen sind aktuell in diesen Einrichtungen deutschlandweit beschäftigt, obwohl in der UN-Behindertenrechtskonvention klar vereinbart wurde, dass das Konzept der Werkstätten nicht zur Inklusion beiträgt und diese schrittweise abgeschafft werden müssen.

Alle Menschen müssen die Chance haben auf dem ersten Arbeitsmarkt eine sozialversicherungspflichtige Anstellung zu erhalten. Werkstätten sollen nur die Durchgangstation sein auf dem Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Sie sollen Menschen mit physischer, psychischer und geistiger Beeinträchtigung für eine Zeit
aufnehmen und dann schnellstmöglich dafür sorgen, dass sie die Werkstätten wieder verlassen.

Aktuell verdienen Menschen in Werkstätten im Durchschnitt 180 Euro monatlich und sind somit zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen trotz Vollzeitanstellung.

In der Realität schafft es max. 1% der Angestellten in den WfMB auf den ersten Arbeitsmarkt!

Vor allem 3 Gründe verhindern, dass mehr Menschen mit Behinderung den Übergang von einer Werkstatt zum Arbeitsmarkt schaffen:

Grund 1: das System der Werkstätten

Werkstätten in Deutschland müssen wirtschaftlich arbeiten, auch wenn sie stark subventioniert sind. Sie müssen das Geld einnehmen, mit dem sie die Entgelte ihrer Beschäftigten bezahlen und Investitionen tätigen. Das bedeutet, dass Werkstätten Aufträge aus der Wirtschaft annehmen und termingerecht bearbeiten müssen. Aus diesem Grund haben die Werkstätten ein Interesse, leistungsstarke und
zuverlässige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu halten und sie nicht an den allgemeinen Arbeitsmarkt zu verlieren.

Grund zwei: die lange gewachsene und gelebte Segregation

Wenn die klassische Karriere Förderschule, Wohnheim, Werkstatt ist und die Menschen über keine Alternativen aufgeklärt und gefördert werden, kennen sie nichts anderes. Deshalb kann es gut sein, dass aufgrund der langen Segregation gar nicht der Wille besteht aus dem gewohnten System auszubrechen.

Denn wie soll sich der Willen entwickeln, wenn ich gar nicht über andere Möglichkeiten der beruflichen Laufbahn aufgeklärt bin? Das Unbekannte macht dann vielen Beschäftigten in den WfMB Angst oder sie sind unsicher und bleiben dann lieber in dem ihnen vertrauten Arbeitsumfeld.

Grund drei: die Beschaffenheit des allgemeinen Arbeitsmarkts

Man kann den Werkstätten natürlich vorwerfen, zu wenig in die Übergangsförderung zu investieren. Die andere Seite ist aber auch, dass der allgemeine Arbeitsmarkt jetzt nicht gerade wartet auf Menschen mit Behinderung. Das heißt, es ist auch eine echte Aufgabe, den Arbeitsmarkt so zu gestalten und die Unternehmen davon zu überzeugen, dass es auch ein Gewinn für sie ist, Menschen mit Behinderung zu beschäftigen.

Quelle: SWR

Wer sich noch weiter mit den Themen beschäftigen möchte dem empfehle ich noch die Podcastfolge mit Raul Krauthausen: Sind Behindertenwerkstätten moderne Sklaverei?

Und diese beiden aktuellen Studien von AktionMensch:

Inklusionsbarometer Arbeit 2020

Frauen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt

Meine Überlegung ist, dass sich möglicherweise, durch die Digitalisierung der Arbeitswelt, neue Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt ergeben. Es könnte sogar sein, dass Corona einen positiven Effekt hat, da dadurch (teilweise notgedrungen) die Themen homeoffice bzw. working from anywhere und flexible Arbeitszeitgestaltung einen ordentlichen Push bekommen haben.

Bin gespannt auf eure Erfahrungen!

Eure

CarbonEla

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