Behindert als Schimpfwort- muss man das tolerieren?

Schwerbehindertenausweis

„Das sieht doch voll behindert aus!“

Immer wieder verwenden Leute aus meinem Umfeld das Wort BEHINDERT als Synonym für Scheiße. Man sollte meinen, dass so eine Ausdrucksweise bei Teenagern noch als gedankenloses Gelabber durchgeht, aber wenn Personen in meinem Alter in meiner Anwesenheit, Dinge die sie total zum Kotzen finden als behindert bezeichnen, dann hab ich da kein Verständnis dafür! Ich frage mich wie emotional behindert mein Gegenüber ist und ob man das dulden muss. Es ist einfach eine Diskriminierung im kleinen.

Negerkuss und Zigeunerschnitzel ist nicht mehr akzeptabel, aber alles Schlechte gleichzusetzen mit „behindert sein“ ist ok?

Dabei ist das nicht das einzige Vokabular, welches Menschen mit Beeinträchtigungen diskriminiert. Zum Beispiel sind doch wohl die wenigsten Menschen im Rolli „an den Rollstuhl gefesselt“ oder nicht Jeder „leidet“ an seiner Behinderung. Oder auch die Formulierung „wie bei normalen Menschen“ finde ich mir gegenüber geäußert auch nicht besonders feinfühlig. In meiner Wahrnehmung machen mich fehlende Füsse nicht zu einem unnormalen Menschen. Außerdem ist es wirklich so erstrebenswert normal zu sein, wie es uns die Gesellschaft vorgibt? Ich finde NEIN.

Vermutlich ist es die Vorstellung des „normalen“ Gegenübers, dass eine Amputation eines der schlimmsten Dinge ist die einem Menschen widerfahren kann-> Da kann ich nur zustimmen. ABER es bedeutet nicht, dass wir Menschen mit fehlenden Gliedmaßen zwangsläufig ein weniger lebenswertes Leben haben als sie!

Teilweise leben wir unseren Alltag viel intensiver und wissen auch kleine Dinge mehr zu schätzen, sind dankbarer und haben eine andere Perspektive aufs Leben als „die Normalen“.

Klar kann ich jetzt denken: „Ich fühle mich durch die Verwendung des Wortes „behindert“ nicht angesprochen.“ Allerdings trage ich in meinem Geldbeutel einen SchwerBEHINDERTENausweis. Wie könnte ich mich also nicht angesprochen fühlen??

Neben Schwerbehindert wird auch immer wieder Schwerbeschädigt geschrieben, als wären wir irgendein Auto mit Totalschaden. Sollten wir dann auch verschrottet werden?

Wer um Alles in der Welt hat sich diese Bezeichnungen einfallen lassen? Ich vermute Jemand der nicht beschädigt ist und ein normaler Mensch ist (laut gesellschaftlicher Auffassung…).

Vor einiger Zeit kam die Geschichte von Hannah, einer Schülerin mit Down-Syndrom, groß in den Medien. Sie hatte die Idee den Schwerbehindertenausweis in Schwer-in-Ordnung-Ausweis umzubenennen. Ob das wirklich zu einer Änderung beim Umgang mit Menschen mit Behinderung führen würde, wage ich zu bezweifeln. Aber es zeigt doch, dass das Mädchen verstanden hat, dass sie damit einen Stempel aufgedrückt bekommt, mit dem sie sich nicht identifizieren wollte.

In Deutschland leben ca. 10% der Bevölkerung mit einer Behinderung. Die Dunkelziffer wie viele Menschen sich bisher keinen Schwerbehindertenausweis ausstellen lassen haben, ist unklar. Warum lassen sich Leute, welche eindeutig einen Anspruch darauf haben, keinen Ausweis ausstellen?

Sie schrecken davor zurück, weil es gesellschaftlich ein Stigmata ist behindert zu sein! Lieber verzichten sie auf die Rechte die ihnen durch die Registrierung zustehen, als es schwarz auf weiß zu haben, dass sie nicht der Norm entsprechen! Das ist doch einfach traurig.

Wem steht der Schwerbehindertenausweis zu?

Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis haben Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 oder mehr. Ab einem Grad der Behinderung von 50 gilt man als schwerbehindert. Der Ausweisinhaber muss außerdem seinen Wohnsitz in Deutschland haben, in Deutschland arbeiten oder sich gewöhnlich hier aufhalten.

Wo und wie beantragt man den Ausweis?

Um einen Schwerbehindertenausweis zu erhalten, muss zunächst ein Antrag auf Feststellung des Grades der Behinderung gestellt werden. Der Antrag wird beim zuständigen Versorgungsamt beziehungsweise der nach Landesrecht zuständigen Behörde gestellt.

Welche Vorteile/Rechte hat man mit dem Ausweis?

Eine Auflistung findet ihr unter nachfolgenden Link.

Selbst wenn der Schwerbehindertenausweis eines Tages in Teilhabeausweis umbenannt wird, wird das am Grundproblem nichts ändern.

Minderheiten gehören in die Mitte der Gesellschaft und nicht an den Rand!

Schreibt mir gerne eure Meinung dazu!

P.S.: Ich häng euch noch den Link zu einem dazu passenden Video mit Raul Krauthausen an. Darin beschreibt es seine Erfahrungen im Internet mit dem Sprachgebrauch zum Thema Behinderung:

12 Kommentare zu „Behindert als Schimpfwort- muss man das tolerieren?

  1. Genau das denke ich ja auch.

    Hauptsächlich gehts wohl um menschliche Optik; und wer keine Ahnung hat mag auch denken das ich mit Prothese besser arbeite, dabei trifft bei manchen Tätigkeiten sogar das Gegenteil zu.

    Beim arbeiten am PC zum Beispiel bin ich viel lieber ohne, weil ich dann mit Hand und Stummel arbeiten kann, was besser und schneller funktioniert als Hand und Prothese.

    Mir ist auch klar das die meisten Leute garnicht wissen was meine Prothese alles kann oder eben nicht kann; nach meiner Erfahrung denken die meisten entweder das wäre Reine Deko und könnte maximal gegenhalten, oder das genaue Gegenteil ist der Fall und sie denken die Funktionalität wäre wie bei einer echten Hand.
    Ein Kunsthaut Handschuh würde dies nur nochmehr Richtung Deko verschieben.

    Ich danke dir für deine Ratschläge.

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  2. Deine Firma und Kollegen scheinen ja cool zu sein.

    Ich habe das Gefühl das es manchen schon rein um die Optik (Ich habe wie du keine Kosmetische Verkleidung an der Prothese) geht, oder das erwartet wird das ich immer nur mit Prothese arbeiten komme. Weißt du ob eine Firma drauf evtl sogar Anspruch hätte?

    Meine Leistungsfähigkeit ist aus meiner Sicht nicht eingeschränkt, das wage ich mit 25 nach einer Kindheit/Jugend in der Autowerkstatt und erfolgreichem Studium mit diversen Nebenjobs behaupten zu können.

    Da ich ja auch keine offizielle behinderte bin würde mir sehr schwer fallen in der Bewerbung irgendwas anzugeben; ich wüsste garnicht wie ich das in einem Satz verpacken könnte ohne das Missverständnisse aufkommen könnten.

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  3. Hey Julia, meine Kollegen waren sehr tolerant was meine Behinderung angeht. Hab keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die einen tun so als wär nix anders als vor der Ampu, die Andern fragen schon mal interessiert nach oder machen mir Komplimente, dass ich so offen damit umgehe und ihnen damit den Umgang damit leichter mache. Ich würde es in der Bewerbung angeben, wenn es deine Leistung im Job einschränkt. Ansonsten kann man ja anbieten mal zum Probearbeiten zu kommen, wenn die Firma unsicher ist was die Behinderung angeht.

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  4. Hey,

    Was haben deine Kollegen denn früher gesagt/gedacht und wie ist es heute?

    In der Uni hat sich anfangs eigl. keiner für meinen kurzen Arm interessiert, als ich aber nach einigen Wochen zum ersten Mal mit Prothese in die Uni kam war das staunen riesig ich hatte sehr schnell Cyborg als Spitznamen.

    Bei meiner Stellensuche aktuell kommt mein kurzer Arm bzw. meine Prothese leider nicht so gut an, hast du da evtl. Tipps?

    Viele Grüße,

    Julia.

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  5. Liebe Sarah, vielen Dank für dein tolles und ausführliches Feedback! Bin da total bei dir und sicher kommt es auch nicht gut an, wenn die Mitmenschen denken wir wollen sie belehren. Denke aber man darf ruhig charmant darauf hinweisen, wenn es einen stört. Bei meinen Arbeitskollegen merke ich z. B. schon, dass hier ein Umdenken stattfindet 💪🤖

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  6. Hallo,
    ich habe schon oft über dieses Thema nachgedacht, denn mich verletzt es schon ab und an, wenn meine Freunde etwas als behindert bezeichnen und es offensichtlich als Synonym für Scheiße verwenden.

    Ich bin noch keine 3 Jahre amputiert und achte seither sehr auf den Gebrauch des Wortes „behindert“ und trotzdem erwische ich mich selbst ab und zu noch dabei, dass ich genau das gleiche mache… wenn ich besonders wütend oder aufgeregt bin.

    Meine Eltern haben mir das sicherlich nicht beigebracht, aber in meiner Jugend gehörte es einfach zum ganz normalen Sprachgebrauch und ich dachte dabei niemals an behinderte Menschen oder dass es verletzend oder diskriminierend sein könnte.

    Ich hoffe, dass sich dies über die Jahre verändern wird und ich weiß, dass ich dazu beitragen kann. Allerdings muss ich ehrlich zugeben, dass ich mich aktuell noch etwas vor der Konfrontation scheue, vor allem da ich eben weiß, dass ich es manchmal im Affekt selbst sage.

    Handicap finde ich auch besser. Man sagt ja auch „ich habe ein Handicap“ und nicht „ich bin behindert“, was in meinen Augen weniger degradierend ist. Das liegt aber irgendwie auch darin, wie wir diesen Satz interpretieren. Denn eigentlich sagt er ja nur aus, dass wir behindert werden gewisse Dinge zu tun, was schon weniger negativ klingt.

    Und meinen Schwerbehindertenausweis und die damit einhergehenden Vorteile möchten ich wirklich nicht missen. Habe aber auch einen Parkausweis und ein B und das unbefristet, obwohl ich mittlerweile wieder ganz normal laufen kann. Aber ich kann Menschen verstehen, die keinen beantragen, da es eben nicht immer positiv von der Gesellschaft aufgenommen wird und manche nur geringe bis gar keine Vorteile dadurch hätten. Ich finde auch, wenn man sich wirklich nicht in seinem Leben behindert fühlt, trägt es sicherlich zum Selbstwertgefühl bei, wenn man keinen Antrag stellt.

    Liebe Grüße 🙂

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  7. Liebe Christiane, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Denke damit sprichst du vielen aus der Seele. Kann total verstehen, dass dich dieses Unverständnis der Anderen verletzt. Ich glaube man sollte einfach jeden Mal ne Stunde in einen Rolli setzen und durch die Innenstadt fahren lassen, dann würden viele ihre Meinung ändern. Auch mit Prothesen sind Kopfsteinpflaster und ausgetretene Wege nicht so toll. Ein Kinobesuch sollte wirklich für Jeden möglich sein und auch Toiletten sollten für Jeden problemlos erreichbar sein-> die Praxis sieht leider anders aus! 😦

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  8. Das Wort Handicap ist erheblich besser als behindert. Ich kann mein Handicap nicht verstecken. Ich bin Unterschenkelamputiert und darf das andere, sehr kranke Bein nicht belasten. Ich darf auch keine Prothese tragen. Der Rollstuhl ist meins, was anderes geht nicht. Die Benachteiligungen bekomme ich sofort zu spüren, wenn ich das Haus verlasse.
    Bürgersteige sind nicht rollstuhlgerecht, die Bordsteine viel zu hoch, auf den Strassen oftmals Kopfsteinpflaster, fast überall sind die Toiletten (auch die behindertengerechten) zu zugänglich, weil die Türen zu eng sind. Die meisten Kinofilme kann ich nicht sehen, weil das Kino in der nächsten Stadt zwar behindertengerecht ist, aber nur 2 von 7 Sälen sind rollstuhlgerecht. Und wenn ich es wage mal an einem Samstag etwas einzukaufen muss ich hunderte Male bitten, ob man mich wohl durchlässt. Dabei arbeite ich, ich habe eine kleine Firma und manchmal geht es nicht anders. Diese blöden Sprüche wie: “ Und das an einem Samstag.“ Tun nur ganz einfach weh. Ich will mich nicht verstecken. Ich will kein Mitleid, ich will die nur Hilfe haben, die ich brauche, und ich bitte wirklich sehr freundlich. Aber meistens rennt man micg über den Haufen, weil man mich nicht sieht.

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  9. Hallo,

    ich kann natürlich nicht für andere sprechen, aber ich selbst verzichte auf die Anerkennung als schwerbehinderte, weil die Nachteile für mich klar überwiegen würden.

    Als 25 jährige Uniabsolventin auf Stellensuche wäre dieser Ausweis pures Gift, viele stellen einen damit garnicht oder aus den falschen Motiven ein.
    Mir ist bewusst das mein kurzer Arm bzw. meine Prothese für jeden offensichtlich sind, es tut aber sehr gut dies im Gespräch nicht noch extra erwähnen oder gar schon im anschreiben angeben zu müssen.

    Des weiteren könnte ich meinen Führerschein riskieren, da ich diesen nach aktueller Rechtslage so nichtmehr machen könnte.

    Da ich als einhändige keine handfesten “Vorteile“ wie gratis ÖPNV oder Parkausweis bekomme, schrecken mich die Nachteile doch sehr ab.
    Ein ab und zu mal etwas ermäßigtes Eintrittsgeld wiegt das lange nicht auf.

    Meinen Eltern bin ich sehr dankbar das sie das damals nicht einfach für mich beantragt haben, sondern gewartet haben wie ich mich entwickle und mich dann selbst entscheiden lassen.

    Viele Grüße,

    Julia.

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