Perspektivenwechsel mit Simone Mross

Hallo liebe Amputees und Zweibeiner,

nach langer Zeit gibt es heute einen neuen Perspektivenwechsel und ich freue mich Simone Mross dafür gewonnen zu haben. Ihr findet sie auf Instagram unter myprostheticlife.

Sie war eine der Ersten der ich auf Instagram gefolgt bin und wir hatten auf der OT World Messe 2018 die Gelegenheit uns persönlich kennenzulernen. Sie war von einem bekannten Prothesenhersteller beauftragt worden, als Anwenderin für Fragen am Stand zur Verfügung zu stehen.

Wie Simone ihre Lieblingsband auf ihren Prothesen verewigt hat, warum sie ein großer Schuhfan ist und vieles mehr erfahrt ihr in unserem Interview:

1) Welchen persönlichen Bezug hast du zum Thema Prothesenversorgung?

Ich habe eine angeborene Fehlbildung (Dysmelie). Als Kind hatte ich ein kleines Gefährt, eine Sitzschale mit Rädern dran, zur Fortbewegung bekommen. Mit ca. 2 Jahren habe ich meine ersten Beinprothesen erhalten. Die Prothesen sehe ich einfach als ein Teil von mir. Sie gehören zu mir und das bin einfach ich.

Ich trage seit nunmehr 40 Jahren Beinprothesen und im Laufe der Jahre hat sich natürlich einiges in der Prothesenentwicklung getan. Früher gab es noch nicht diese High-Tech Prothesen wie heute. Vor ca. 16 Jahren habe ich meine erste microprozessorgesteuerte Beinprothese bekommen. Davor waren die Prothesen immer mechanisch. Auch die Füße waren ganz anders, sie waren fester und konnten sich dem Gangbild nicht so anpassen, wie das heute der Fall ist.

Außerdem habe ich seit ca. 7 Jahren absatzverstellbare Prothesenfüße. Endlich kann ich Schuhe mit verschiedenen Absätzen anziehen, wie jede andere Frau auch. Es sind nicht immer die ganz hohen Absätze, sondern schon kleine Unterschiede in den verschiedenen Schuhen, die ich damit ausgleichen kann. Das ist für mich ein riesiger Fortschritt.

Endlich nicht mehr beim Schuhkauf darüber nachdenken müssen und sich wie eine „normale“ Frau zu fühlen. Dieses Gefühl geben mir meine verschiedenen Schuhe immer wieder!

Als Kind habe ich oft neue Prothesenschäfte gebraucht, denn man wächst einfach schneller aus den Prothesen raus und sie müssen angepasst werden. Die Versorgung war und ist Teil meines Lebens. Ich war über 30 Jahre zur Versorgung im Uniklinikum Münster, es ist wie ein zweites zu Hause für mich.

Als Kind war ich meist für 2 bis 3 Wochen stationär im Krankenhaus, wenn ich neue Beinprothesen bekommen habe. Ich hatte dort auch Schulunterricht, Physiotherapie, Gangschule, Freundschaften haben sich mit der Zeit entwickelt.

Mit meinem Techniker möchte ich zusammen einfach ein Team bilden. Wir beide arbeiten daran, dass ich die bestmögliche Versorgung erhalte. Für ihn/sie ist das genauso herausfordernd und anstrengend wie für mich. Ich glaube, ich bin da keine einfache Anwenderin 😉 Ich möchte einfach das Maximum aus der Beinprothese für mich rausholen.

Mittlerweile habe ich aber zu einer heimatnahen Versorgung gewechselt, da die weite Fahrt, aufgrund meiner Multiple Sklerose, zu anstrengend für mich wurde.

Heutzutage werde ich leider nicht mehr stationär versorgt, sondern muss alles ambulant machen lassen, das trägt die Krankenkasse leider nicht mehr. Schade eigentlich, denn diese Versorgungsart, mit der ich aufgewachsen bin, war in meinen Augen die umfassendste und bestmögliche überhaupt. Solch eine „Rundumbetreuung“ gibt es heute nicht mehr.

Aber die heimatnahe Versorgung hat auch viele Vorteile für mich. Ich habe dort ein sehr gutes Team gefunden, was mir alles ermöglicht und für mich da ist. Außerdem kann ich jetzt einfach, ohne große Planung, hinfahren wenn etwas defekt ist.

2) Welche Erfahrungen haben dich in deinem Leben mit Behinderung am meisten geprägt?

Natürlich gab es im Laufe meines Lebens prägende Ereignisse und Situationen. Das wird aber auch bei „gesunden“ Menschen nicht anders sein. Besonders in der Pubertät habe ich mich gefragt „Warum habe ausgerechnet ich das?“

Aufgrund von neugierigen Blicken bzw. unangenehmen Starren von anderen Menschen, habe ich früher nie kurze Hosen getragen. Heute ist das kein Thema mehr. Ich bin wie ich bin und bin stolz darauf, was ich schon alles in meinem Leben geschafft habe.

Irgendwann hat es in meinem Hirn einfach „klick“ gemacht und ich wollte im Sommer kurze Hosen tragen, wie Jeder andere auch. Mir gefällt das einfach und wer hat schon so ein cooles Equipment?

Außerdem wollen wir (Prothesenträger/Behinderte) in die Gesellschaft integriert werden und ich finde es gehört dazu, dass die Gesellschaft dann auch in Berührung mit uns kommt.

Wenn wir uns verstecken und uns Keiner sieht und wahrnimmt, dann ist es schwierig integriert zu werden. Klar kommen auch mal starrende Blicke, aber überwiegend habe ich positive Erfahrungen damit gemacht meine Beine zu zeigen.

Kinder fragen mich sehr oft, weil sie einfach nicht diese Hemmungen wie Erwachsene haben und ich rede mit Jedem gerne darüber, weil es zur Akzeptanz beitragen kann.

Meine Schäfte designe ich schon ganz lange mit eigenen Motiven. Für mich ist das wie ein Tattoo, dass ich mit jeden neuen Prothesenschaft immer wieder ändern kann. Ich liebe Musik, ganz besonders Bon Jovi und Mötley Crüe und ich freue mich jeden Tag immer wieder, dass ich so coole Prothesenschäfte tragen darf.

Die Prothesencover auf dem Bild habe ich erst mit meinen derzeitigen Prothesen bekommen. Das wollte ich einfach mal ausprobieren und mir gefällt, dass sie eine natürliche Beinform darstellen. Als mein Techniker sie zum ersten mal dran gemacht hat, war das ein ungewohntes, aber ganz tolles Bild für mich. Irgendwie hat es mich auf eine gewisse Weise komplettiert.

Auch ich trage lange Hosen oder möchte nicht immer gleich zeigen, dass ich 2 Beinprothesen trage und dabei helfen mir die Cover sehr.

3) Wer und was hat dich bestärkt auf deinem Weg? Wer und was hat dich behindert?

Zuallererst haben natürlich meine Eltern und meine Geschwister mich immer bestärkt bzw. sie haben mich einfach „normal“ behandelt. Ich gehörte dazu!

Behinderung wurde eigentlich nicht groß thematisiert, es war so und fertig. Auch meine Klassenkameraden, ab der 7. Klasse, haben mir Rückhalt gegeben. Auf Klassenfahrten war ich immer mit dabei. Selbst als ich in der 10. Klasse auf der Abschlussfahrt mal ein Problem mit einer großen wunden Stelle bekam, haben sie mich unterstützt. Der Lehrer hat mir ein paar Krücken besorgt und meine Freunde haben mir geholfen, dass ich trotzdem Alles mitmachen konnte, auch mit nur einem Bein.

Meine Schwester hat mich immer mit in eine Discothek genommen und da habe ich meine jetzigen Mann kennengelernt. Er wusste erst gar nicht, dass ich 2 Beinprothesen habe. Ich laufe ja nicht durch die Gegend und erzähle das Jedem. Aber auch für ihn war das dann kein Thema.

Unsere Tochter ist so mit mir aufgewachsen und sie kennt das gar nicht anders. Familie finde ich ist einfach das Wichtigste!

Bei der Frage, was oder wer hat dich behindert muss ich sagen, dass ich da eigentlich ganz gut aussortieren kann. So etwas kann ich in meinem Leben nicht brauchen. 😉

Mir ist es mit meiner Behinderung immer wichtig erst mal alles auszuprobieren. Die Meinung von anderen, ob ich etwas kann oder nicht, ist da erst mal unwichtig. Wie sagt man so schön „Probieren geht über studieren“ und so ist es. Wenn etwas nicht geht mit meiner Behinderung, dann ist das so, aber es kommt darauf an, dass ich es wenigstens versucht habe.

4) Auf einer Skala von 1-10 wie zufrieden bist du mit dem Stand der Inklusion in Deutschland?

Auf einer Skala von 1 – 10 würde ich eine 6 vergeben. Aber es sind eigentlich die kleinen Dinge, die mich nerven. Nur weil man mir nicht auf den ersten Blick ansieht, dass ich 2 Prothesen trage und noch dazu Multiple Sklerose habe, heißt dass nicht, dass ich nicht auch mal auf Hilfe oder etwas Rücksicht angewiesen bin.

Wenn ich also mit meinem blauen Parkausweis auf einem Behindertenparkplatz parke und direkt wieder angemeckert werde, weil es mir nicht auf der Stirn geschrieben steht, genau in solchen Momenten wünsche ich mir etwas mehr Verständnis. Verständnis dafür, dass man zwar laufen kann, aber Niemand weiß, wie viel Kraft und Bemühungen es kostet dies tun zu können.

Hier in unserem kleinen Dorf in dem ich lebe, kämpfe ich schon seit Jahren darum, dass die Bordsteine an den Straßenkreuzungen abgesenkt werden. Dies wäre ein Gewinn für die gesamte Gemeinschaft. Für viele ältere Menschen mit Rollatoren die hier leben oder für Mütter mit Kinderwagen bzw, Kinder mit dem Laufrad. Da könnte so einfach etwas in Richtung Inklusion getan werden.

5) Was müsste aus deiner Sicht passieren um diesen Wert zu erhöhen?

Es müsste mehr Verständnis entgegengebracht werden. Die Mehrheitsgesellschaft muss versuchen sich in die Lage eines behinderten Menschen zu versetzen und die Sichtweise diesbezüglich zu ändern.

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