Der dumme Patient -gibt es Gerechtigkeit bei Behandlungsfehlern?

Justicia Behandlungsfehler

Manchmal mache ihr mir schon so meine Gedanken, wie ich im fortschreitenden Alter mit meiner Behinderung zurecht komme.

Wie lange werde ich schmerzfrei Laufen können?

Wie lange kann mein Körper die unnatürliche Belastung aushalten?

Wie lange wird eine Prothesenversorgung möglich sein und ist eines Tages der Rollstuhl meine einzige Fortbewegungsmöglichkeit?

Wie lange werde ich frei und selbstbestimmt Leben können?

Und hat das Alles wirklich so kommen müssen oder ist es der Fehlentscheidung der Ärzte zu verdanken, dass ich damit klar kommen muss?

Mir ist natürlich durchaus bewusst, dass sich wahrscheinlich Jeder früher oder später Gedanken über ein würdevolles Altern und den Tod macht. Nur wahrscheinlich die meisten nicht in meinem Alter. Wahrscheinlich kann Jeder nachvollziehen der mal eine lebensbedrohliche Erkrankung mit gravierenden Folgen überstanden hat, dass man sich Gedanken über die Zukunft macht.

Dennoch versuche ich so oft wie möglich im hier und jetzt zu leben und den Zukunftsängste nicht zu viel Platz einzuräumen.

Aber wenn doch die innere Stimmte immer wieder sagt: „Das ist doch Alles nicht mit rechten Dingen zugegangen…hätten die Ärzte den Ernst der Lage nicht früher erkennen und eine andere Behandlungsmethode ergreifen müssen?“ – dann lässt einem diese Unsicherheit keine Ruhe.

Nun ist meine Geschichte kein einfaches Krankheitsbild und als medizinischer Laie ist es unvorstellbar wie so etwas passieren kann. Ich wollte eine unabhängige zweite Meinung, die mir sagt, dass die Ärzte ihr Bestes gegeben haben.

Wusstet ihr, dass man nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nur bis zu 3 Jahre Zeit hat rechtlich gegen das Krankenhaus vorzugehen bei dem Verdacht auf einen Behandlungsfehler?

Damit ich mir nicht den Vorwurf machen muss, nicht Alles versucht zu haben, um einen möglichen Behandlungsfehler aufzudecken, habe ich mich im Sommer 2016 überwunden zu einem Anwalt zu gehen, um die Geschichte nochmal aufzurollen.

Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde 2013 lies ich bereits durch den medizinischen Dienst der Krankenkasse ein Gutachten erstellen, welches allerdings nicht eindeutig war. Allein die Zusendung der kompletten Krankenakte durch das Krankenhaus dauerte über ein Jahr. Schließlich waren bei 8 Monate Aufenthalt über 2000 Seiten zusammengekommen. Das Krankenhaus war auch nicht besonders kooperativ und ich musste immer wieder nachhaken bis alle Unterlagen vollständig bei meiner Krankenkasse vorlagen.

Nachdem der MdK keine eindeutige Aussage traf, machte ich mich auf die Suche nach einem medizinischen Fachanwalt. Meine Geschichte immer wieder erzählen zu müssen und die Details wieder heraufzubeschwören war sehr aufwühlend für mich.

Egal wo ich mich hinwandte und welchem Arzt ich meine Geschichte erzählte, immer die gleiche Reaktion: Ungläubiges Kopfschütteln und eine betroffene Miene. Diese Leute haben tagtäglich mit den heftigsten Geschichten zu tun und doch merkte ich, dass ich für die meisten mit meinem Krankheitsverlauf tiefes Mitgefühl ausgelöst habe.

Als ich einen passenden Anwalt gefunden hatte, machte er mir keine falschen Illusionen. Aufgrund meines sehr komplexen Krankheitsverlaufes und der Tatsache, dass ich keine Rechtsschutzversicherung hatte in Verbindung damit, dass es sich um einen sehr hohen Streitwert handelt, lag das hohe finanzielle Risiko bei mir sollte ich mich dazu entschließen vor Gericht zu gehen.

Wir versuchten allerdings fast 2 Jahre eine außergerichtliche Regelung mit dem Krankenhaus zu finden, worauf diese sich aber nicht einliesen. Während dieser Zeit lies mein Anwalt nochmal ein Gutachten erstellen, was sich aber extrem hinzog, da es gar nicht so einfach war einen passenden Arzt zu finden, welcher bereit war ein Gutachten (ggf. gegen das Krankenhaus) zu erstellen.

Weder in München noch darüber hinaus ließ sich ein Gutachter finden, der den Auftrag übernehmen wollte. Letztendlich war es ein Arzt an der niederländischen Grenze, der sich dem Fall annahm.

Ich muss sagen, dass mich das menschlich sehr enttäuscht hat, denn Gutachter sollten doch neutral agieren und sich nicht durch den „großen Namen“ eines Krankenhauses einschüchtern lassen. Als betroffener Patient kommt man sich da einfach nur verarscht vor und die Vetternwirtschaft der Ärzte untereinander finde ich einfach zum Kotzen.

Als das neue Gutachten nach über einem halben Jahr fertig war, hatte der Arzt darin Zweifel angegeben, dass die Behandlung der Krankenhausärzte die richtige war für mich. Trotzdem wollte sich das Krankenhaus weiterhin zu keiner außergerichtlichen Regelung einlassen.

Nun war nur noch die Option gegeben vor Gericht zu gehen: Da ich zu gut verdiene um als bedürftig zu gelten und damit eine Chance zu haben, dass die Gerichtskosten für mich übernommen werden, war die letzte Alternative, dass mein Anwalt einen sogenannten Prozesskostenfinanzierer kontaktierte und dort eine Übernahme der Gerichtskosten anfragte.

Wieder wurden meine Unterlagen über ein halbes Jahr auf Herz und Nieren geprüft und die Sachbearbeiterin des Finanzierers lies sogar 3 Gutachten von internen Ansprechpartnern der Firma erstellen. Sie wollte nur allzu gerne meinen Fall zur Finanzierung freigeben, so dass wir endlich vor Gericht gehen können, aber alle 3 Gutachter waren sich einig, dass mein Fall vor Gericht die Kausalitätsprüfung nicht überstehen würde und sie sich dann bzgl. der horrenden Kosten intern rechtfertigen müsste.

Da die Kosten sich auf mehrere 100.000 Euro belaufen können, war sie daher nicht bereit die Finanzierung abzusegnen, auch wenn sie großes Mitgefühl hatte und tief erschüttert war von meiner Geschichte.

Uns läuft die Zeit davon…mittlerweile ist es September 2019 und das Krankenhaus hat bereits dreimal einem Verjährungsverzicht zugestimmt-> das dritte Mal ist auch ausdrücklich das letzte Mal hat das Krankenhaus uns unmissverständlich mitgeteilt! Wir haben nochmal bis März 2020 Zeit uns eine neue Taktik zu überlegen. Es ist unglaublich frustrierend…und ungerecht! Ich muss bis an mein Lebensende ohne meine Füsse leben, ohne das mich eine Schuld trifft und dafür soll Niemand zur Rechenschaft gezogen werden? Schwer da einfach einen Haken dran zu machen.

Aber die Hoffnung stirbt zu letzt und die Hoffnung sollte man niemals aufgeben, egal wie aussichtslos die Situation ist! Und eines habe ich mir selbst versprochen, wie auch immer diese Geschichte ausgeht, ich werde meinen Frieden damit schließen, ich werde nicht verbittert sein und ich werde den Zorn mich nicht beherrschen lassen. Denn Hass und Wut und die ewige Frage nach dem „Warum?“ vergiften die Seele auf Dauer. Man darf sauer sein und man darf seinem Frust auch mal freien Lauf lassen, aber sein Leben darf man davon nicht steuern lassen. Nach Regen kommt irgendwann auch immer wieder Sonnenschein und so ein reinigendes Gewitter tut der Seele ab und an sehr gut.

Mein Leben lasse ich nicht durch Verzweiflung und negative Energie bestimmen, dafür liebe ich es zu sehr am Leben zu sein und so lange die positiven Tage überwiegen wird das auch so bleiben!

Geht es euch genauso? Was macht ihr wenn euch Situationen die Luft zum Atmen nehmen? Oder habt ihr Tipps was die außergerichtliche Einigung angeht? Vielleicht habt ihr selbst ein Verfahren wegen Behandlungsfehler angestrebt und könnt mir von euren Erfahrungen berichten?

Freue mich wie immer über eure Anregungen und Feedback! Teilt den Beitrag gerne, denn je mehr Leute hier mitlesen, desto mehr hoffe ich noch eine Möglichkeit zu finden dem Krankenhaus nochmal richtig auf die Nerven zu gehen! *harhar*

5 Kommentare zu „Der dumme Patient -gibt es Gerechtigkeit bei Behandlungsfehlern?

  1. Ja da hast du vollkommen recht so denke ich auch schon lange. Jeder will besonders sein und kopiert dabei nur andere und am Ende sind wieder alle gleich und schwimmen im Strom statt dagegen. So wird sich nie etwas verändern. 😋👍 Versuchen einfach aus allem was gutes zu ziehen oder es als Lehre sehen. Da gab’s mal so einen Spruch, ich verliere nie, ich lerne nur.

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  2. Du sagst es….Frust, Wut, Verzweiflung, Unsicherheit, Trauer…war Alles dabei aber ändern kann man die Vergangenheit nicht. Man merkt wie stark man eigentlich ist, Andere wären daran schon lang zerbrochen oder graben sich zu Hause ein. Ich finds super, dass du auch so offen mit deiner Prothese umgehst und es zum Teil deines Styles machst. Die Welt braucht mehr Mutige die dem gesellschaftlichen Einheitsbrei den Kampf ansagen! Alle feiern Diversity und dann sehen sie doch alle gleich aus, ziehen das gleiche an, essen das gleiche und haben die gleichen Hobbies. Mal schauen was das Leben noch so für uns bereit hält 🙂

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  3. Oh man ich kann dich zu gut verstehen. Ich bin auch überzeugt das die meisten Amputationen und Co durch Fehler der Ärzte erst zustande kommen. Leider pfuschen die nur was das Zeug hält und niemand kann was dagegen unternehmen. Ich bin auch sicher das damals als Kind bei mir gefuscht wurde worauf hin mein Bein steif blieb und jetzt wieder scheiße gebaut wurde weil mein blöder Schmerz Katheter nicht vernünftig lag und somit null Wirkung hatte. Deswegen werde ich wohl auch mein Leben lang unter Phantomschmerzen leiden die keinen interessieren und wo niemand helfen kann… Echt frustrierend aber man muss da einfach durch und hat halt keine Wahl. Dafür sind wir starke Frauen die nichts mehr umhauen kann ❤️.
    Aber am ende denk immer daran Charma regelt alles im Leben, jeder bekommt am Ende was er verdient und es hat wohl irgendwie einen Grund wieso uns sowas passiert und nicht anderen Menschen.

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  4. Liebe Fee, danke dir vielmals für deine starken Worte 💖 Ich will auf keinen Fall, dass sich mein Leben nur um meine Vergangenheit dreht und werde damit Frieden schliessen. Aber ich will alle Möglichkeiten ausschöpfen die es gibt und mir nicht irgendwann vorwerfen, dass ich zu leicht aufgegeben habe 🙏

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  5. Hallo liebe Carbon_ela ,
    mag mir über deine “ Krankenhaus history “ kein Urteil erlauben , sie ist grausam zu lesen und wie schlimm muss es für dich erst sein …
    Meine Geschichte passierte in den 60iger Jahren ,mir wurde meine Wachstumsfuge zerstört…Kunstfehler ? Ja , mit Sicherheit .Damals sollte eine Sammelklage angestrebt werden , was in den 70igern dann eher ungewöhnlich war.Leider fand sich damals niemand der gegen diesen “ Arzt “ ausgesagt hätte , die Kommentare lauteten ähnlich “ die eine Krähe hackt der anderen kein Auge raus…“.
    Wie auch immer , ich bin gut damit gefahren meinen “ Frieden “ zu schliessen , inzwischen bin ich hüftex … Bin mit mir und meiner Welt im reinen und lebe viel zu gerne .
    Denke das es irgendwann an der Zeit ist abzuschließen ,keine Anwälte mehr , kein gegnerisches Schreiben mehr ,von den Kosten mal ganz zu schweigen. Meine Nerven und Ebergie brauche ich für andere Dinge …
    Mein Motto „Das Leben ist schön „…in diesem Sinne die liebsten Grüsse

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