Reisen mit Beinprothesen (inklusive praxiserprobter Packliste)

Reisen mit Beinprothesen NYC
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Zurück aus dem Weihnachtsurlaub in der Karibik, ist es an der Zeit mal einen Artikel über das Reisen mit Prothesen zu schreiben. Tatsächlich bin ich seit meiner Amputation schon viel gereist, denn ich will noch viel sehen von der Welt!

Mit der ersten großen Reise nach der Ampu, habe ich mir einen Traum und zugleich ein Versprechen an mich selbst erfüllt. Für Silvester 2012/2013 war der Plan nämlich nicht auf der Intensivstation zu liegen und um mein Leben zu kämpfen, sondern es sollte nach NYC gehen. Aber es kam nun mal Alles anders…

Allerdings wollte ich diese Reise auf jeden Fall nachholen. Mein erster Flug mit Prothesen war 2014 nach Berlin, danach ging es nach London und im Folgejahr die erste lange Flugreise in den Big Apple. Ich habe mir von meiner Hausärztin eine Bescheinigung für die Prothesen, die Medikamente und medizinischen Hilfsmittel ausstellen lassen. Tatsächlich wollte das Schreiben bisher noch nie Jemand sehen. Vor jedem Flug gebe ich der Fluggesellschaft kurz per Mail Bescheid, dass ich mit Prothesen unterwegs bin und reserviere mir dann immer einen Gangplatz, für mehr Beinfreiheit. Leider dürfen die Plätze am Notausgang, bei denen mehr Platz ist, nicht von Personen mit körperlichen Einschränkungen besetzt werden, für den Ernstfall. Was immer bei der Sicherheitskontrolle gemacht wird, ist ein Sprengstofftest, da der Metalldetektor natürlich immer ausschlägt. Bisher musste ich die Prothesen nie dafür ausziehen und das Ergebnis des Sprengstofftests braucht auch nur wenige Minuten.

In New York gibt es seit den Anschlägen vom 11. September zudem bei jeder größeren Sehenswürdigkeit ebenfalls Sicherheitskontrollen (z. B. Empire State Building, Fähre zur Freiheitsstatue etc.).  Auch hier hatte ich keine Probleme, sobald ich von meinen Beinprothesen erzählt habe.

Sollte man sich zudem die weiten Wege am Flughafen nicht zutrauen oder man braucht Hilfe beim Einsteigen, dann kann man das vorher bei der Airline bzw. dem Flughafen anmelden. Wir haben das in London gemacht und wurden dann am Gate mit einer Art Golfcart abgeholt und bis zum Ausgang damit gefahren. Badeprothesen, Rolli etc. kann man auch vorab als Sondergepäck anmelden und kostenlos mitnehmen.

Zudem nehme ich für Langstreckenflüge als Prophylaxe wg. Thrombose eine Tablette Rivaroxaban (ist ein Blutverdünner). Da meine Ursprungserkrankung ja von einer Venenentzündung kam, möchte ich hier kein Risiko eingehen. Die blutverdünnende Wirkung hält 24 Stunden an und länger ist man ja nicht unterwegs.

Bei der Einreise in die USA und Kuba dauern die Pass- und Visumkontrollen gerne mal etwas länger, daher habe ich mich einfach vor Ort jeweils an einen Flughafenmitarbeiter gewendet und durfte problemlos, mit meiner Begleitung, die lange Schlange umgehen, nachdem ich von meinen Beinprothesen erzählt habe. Meinen Schwerbehindertenausweis oder die ärztliche Bestätigung hat noch nie Jemand dafür verlangt.

Mittlerweile habe ich auch schon zweimal eine Kreuzfahrt gemacht. Hier gibt es die Möglichkeit sich eine barrierefreie Kabine (ohne Aufpreis) reservieren zu lassen und per Formular über Sondergepäck oder benötigte Assistenz an Bord zu informieren. Ich hab auch mehrere Leute im Rolli gesehen auf den Schiffen und denke, wenn man es sich finanziell leisten kann, ist es eine komfortable Art zu Reisen.

Ich liebe Städtetrips und es gibt Städte, die sich mehr bzw. weniger für Prothesenträger eignen (natürlich kommt es auch immer an die eigenen Ansprüche an wie viel man sehen bzw. wie viel man laufen will und kann). Herausfordernd sind Lissabon, Rom und Venedig. Lissabon hat viele hügelige Straßen und wie in Rom, viel ausgetretenes Kopfsteinpflaster, da muss man oft schon aufpassen, dass man nicht stolpert. Wer sich schwer tut mit Treppen, muss auch wissen, dass die Toiletten oft im Keller sind und Aufzüge in den alten Häusern Mangelware sind. In den meisten Städten gibt es sogenannte Sightseeing-Busse, welche eine bequeme Alternative zur Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln sind und einen gezielt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten bringen. In Venedig gibt es solche Busse leider nicht, da die ganze Altstadt autofrei ist und mit unzähligen Brücken versehen ist. Das macht zum einen natürlich den Charme dieser Stadt mit aus, allerdings sollte man hier doch gut zu Fuß sein.

Palma de Mallorca, Budapest und Stockholm kann ich dagegen empfehlen, da die Fußgängerwege überwiegend gut ausgebaut sind und gute Verkehrsverbindungen bestehen.

Nachfolgend hab ich noch kurz zusammengeschrieben, was ich seit meiner Ampu so an zusätzlichen Sachen mitnehme auf Reisen:

  • Ersatzliner (falls der Liner auf der Reise kaputt geht)
  • Desinfektionsmittel für Wunden (falls man sich eine offene Stelle läuft)
  • Hydrokolloid-Pflaster (bei wunden oder offenen Stellen, hilft auch bei Blasen)
  • Antibakterielle Seife (zur Liner- und Stumpfreinigung)
  • Stumpfstrümpfe
  • Rivaroxaban (und sonstige Medikamente die man benötigt)
  • Duschhocker (wird in der Regel aber vom Hotel zur Verfügung gestellt)

6 Kommentare zu „Reisen mit Beinprothesen (inklusive praxiserprobter Packliste)

  1. Unfälle sind ja die häufigste Ursache und darum naheliegend, das bekomm ich auch oft zu hören; vor Jahren hat sogar mal einer gesagt das mein Stummel top operiert wäre, dabei gabs nie ne OP.

    Ne Kosmetik kam für mich nie in Frage, was meine Familie auch gleich cool fand; die oft hässliche Kosmetik war für mich sogar einer der Gründe bis zu meinen 20. Lebensjahr garkeine Prothese zu haben.
    Wenn ich natürlich und ganz menschlich aussehen will geh ich einfach ohne Prothese; sonst sieht die Kombi aus Carbon und Alu einfach zu gut aus und passt zu eigl. allem.
    So kam ich durch Freunde auch sehr schnell zu meinem Spitznamen.

    Viele Grüße,

    Julia.

    PS: Es wäre interessant mal zu erfahren wie es bei dir mit Führerschein und evtl. Autoumbau lief.

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  2. Hi Julia, sehr interessant deine Erfahrungen mit und ohne Prothese zu lesen. Meine Erfahrungen sind ähnlich. Viele denken bei mir als erstes an einen Unfall. Starren oder direktes neugieriges Fragen kommt auch mehr von älteren. Seitdem ich ohne Kosmetik rumlaufe hab ich eigentlich nur positives Feedback bekommen. Meine Mutter kann nicht verstehen warum ich mich für Carbon entschieden habe, aber sie akzeptiert es 🙂

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  3. Hey,

    die Reaktionen sind schon überwiegend positiv, auch wenn ich Unterschiede sehe ob ich gerade mit oder ohne Prothese unterwegs bin.

    Die häufigste Frage ist zweifellos etwas wie: “Darf ich fragen was dir/ihnen da passiert ist?“ in den verschiedensten Varianten.
    Wenn ich dann antworte das ich schon ohne linke Hand auf die Welt kam denken viele ältere(50+) gleich an Contergan, obwohl ich dafür viel zu jung bin(25).
    Bei jüngeren kommt eher erstaunen darüber das sowas überhaupt möglich ist oder selten mal Kommentare ob meine Mutter Drogen genommen hätte oder ähnliches.
    Manche rätseln dann richtig über mögliche Ursachen und meinen dann manchmal mehr zu wissen als ich selbst (Es gibt keine bekannte Ursache).

    Wenn ich mit Prothese unterwegs bin kommen oft Fragen zu dieser, was ich auch voll verstehen kann solange die Leute respektvoll bleiben.
    Früher, als ich noch keine hatte und heute wenn ich ohne unterwegs bin fragen mich manche warum ich denn keine Prothese hätte, die wären doch schon so gut und würden nichtmehr auffallen.
    Immer wieder gibts auch Leute(gerade ältere und junge Frauen) die nicht verstehen warum ich meine Prothese so offen trage und keinen Kosmetikhandschuh habe.

    Wie sieht das bei dir aus?

    Viele Grüße,

    Julia.

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  4. Hey,

    Bei mir haben sich die Security-menschen schonmal bedankt, weil ich meine (Unterarm)Prothese einfach ausgezogen und aufs Band gelegt habe, das erspart denen bestimmt viel Stress und Aufwand.

    Bei mir ist das ja auch sehr einfach möglich; und ich trage meine Prothese da eigl nur, weil sie so am einfachsten zu transportieren ist.
    Im Flugzeug zieh ich sie fast immer aus, was schon zu lustigen und interessanten Gesprächen mit den Sitzbachbarn geführt hat.

    Viele Grüße,

    Julia.

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