Blut, Schweiß und Tränen

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Bevor ich auf Reha kam, hatte ich im Krankenhaus nur sehr wenig Physiotherapie. In erster Linie ging es hier darum die Gelenke beweglich zu halten, dass keine Sehnenverkürzung stattfindet, Stumpfabhärtung und dass ich es endlich schaffe ohne Hilfe vom Bett in den Rolli zu kommen, damit ich auf Reha selbstständiger bin. Obwohl mir der Rolli die Freiheit gab, ohne Prothesen wieder selbst zu bestimmen, wann ich wo hinfahre, war ich nicht begeistert davon. Auch als der Mann vom Sanitätshaus kam, mich ausgemessen hat und mit mir die verschiedenen individuellen Bestandteile durchgegangen ist, hat mich die Aussicht auf einen flamingofarbenen Rolli mit Glitzer nicht aufheitern können. Ich kam mir damit einfach so richtig behindert vor.

Angekommen in der Reha ging es bald mit den ersten Anwendungen los. Krafttraining, Ergotherapie, Physiotherapie, Dehnung, Ausdauer- und Gleichgewichtstraining bestimmen jetzt meinen Alltag. Die Ärzte haben einen 3monatigen Aufenthalt für mich beantragt, welcher problemlos genehmigt wurde.

Ich glaube Keiner hat zu dem Zeitpunkt geglaubt, dass ich nach 3 Monaten entlassen werde, aber für mich war klar: In 3 Monaten werde ich hier auf Prothesen und ohne Hilfmittel rausmarschieren! Challenge accepted!

Scheiße der Anfang ist hart…null Muskulatur, ich kann noch nicht mal länger aufrecht sitzen ohne dass meine Muskeln nach kurzer Zeit höllisch schmerzen. Kein Wunder nach monatelanger Zwangspause. Meine Oberschenkel sind immer noch dick eingebunden wg. dem Keim. Der Keim verhindert, dass die Wunden komplett verheilen. Zumindest können aber schon die Gipsabdrücke für die ersten Prothesen gemacht werden in der angebundenen Orthopädiewerkstatt.

Nach jeder Trainingseinheit schwitze ich wie ein Schwein, dass es draußen immer noch Hochsommer ist, ist nicht gerade zuträglich. Meine Silikonlinern, welche ich im Krankenhaus bekommen habe, kann ich förmlich ausleeren und mich regelmäßig trockenlegen (Für alle Prothesenneulinge: Silikonliner werden über die Beinstümpfe gezogen und formen diese für die spätere Prothesenversorgung).

Ich werde mit einem PIN-System versorgt für meine ersten Prothesen. D. h. an meine Silikonliner wird unten ein PIN (wie eine Schraube) befestigt und wenn man in die Prothese damit steigt rastet der PIN in das Verschlusssystem ein. An der Seite der Prothese befindest sich ein Druckknopf wodurch man das System wieder entriegeln kann.

skeo_liner_pin_lock_suspension_16_9_content - Kopie

In der 2. Woche meines Aufenhalts sind sie da: Mein erstes paar Prothesen!

Klobig sehen sie aus. Und schwer. Und haben noch so gar nichts mit den späteren Carbonprothesen zu tun. Da sich v.a. in der Anfangszeit der Stumpf noch viel verändert und schmaler wird, wird erst nach einigen Monaten der Schaft mit Carbon ausgegossen.

2013-09-07 15.13.54

Aber mich beschäftigt in dem Moment ein ganz anderer Gedanke. Werd ich es gleich schaffen die ersten Schritte zu gehen?

Mir fehlen beide Beine…wäre es nur eines, dann hätte ich zumindest noch eines als Fallbacklösung, wenn die Belastung zu krass ist. Tja hilft jetzt nix, hab nun mal doppelt die Arschkarte gezogen. Meine Physiotherapeutin bringt einen Rollator ins Zimmer. Also Leute ganz ehrlich, ich dachte auf so ein Ding bin ich frühestens in 60 Jahren angewiesen!

Egal jetzt gehts los: Rein in die Liner, PINs sind schon dran und dann erstmal vorsichtig in die Schäfte rutschen. Unangenehm eng, aber nicht wahnsinnig schmerzhaft wie befürchtet-> sind ja schließlich Maßanfertigung 😉 Bremsen rein beim Rollator, Bett auf eine passende Höhe fahren, damit das Aufstehen leicht fällt und dann Attacke!

Ich stehe! Meine Therapeutin lockert die Bremsen und ich gehe los. Wahnsinn nach fast 9 Monaten meine ersten Schritte! Die Glücksgefühle lassen die Schmerzen vergessen 🙂 Ich könnte anfangen zu heulen, so sehr freu ich mich. Okay es sind nur ein paar Schritte vom Bett zur Tür in meinem Zimmer und wieder zurück. Aber der Anfang ist gemacht!

 

 

2 Kommentare zu „Blut, Schweiß und Tränen

  1. Hallo liebe Claudia, vielen Dank für deine lieben Worte und dass du hilfreiche Tipps hier gefunden hast freut mich.
    Ich persönlich war in Osterhofen und die haben mich wieder auf die Beine gebracht, im wahrsten Sinne des Wortes 🙂 Aber auch über Murnau hab ich bisher nur Gutes gehört. Beide Kliniken haben Orthopädiewerkstätten die sich sehr gut mit Prothesen auskennen und super Physios. Wir bieten im Rahmen des Peerprogramms persönliche Gespräche mit neuen Amputees an. Leider ist nur aktuell überall Besuchsverbot in den Krankenhäusern. Könnte aber ein Telefongespräch anbieten, wenn ihr das möchtet. Ich wünsche euch für euren weiteren Weg viel Kraft und dass sich Alles zum Guten wendet 🙂

    Liken

  2. Hallo meine Liebe.

    Erstmal danke für deine Geschichte die du mit uns teilst.

    Mein Mann wurde vor 2 Wochen von einem LKW mitgenommen.
    Gott sei Dank hat er überlebt aber sein rechtes Bein fehlt ihm jetzt.

    Dein Blog ist mir persönlich eine große Hilfe. Danke für deine Worte und deine Positivität.

    Mein Mann liegt in Grosshadern. Darf ich fragen wo du auf Reha warst?

    Bei uns stellt sich die Frage Murnau oder Osterhofen?

    Die Ärzte meinen Osterhofen.

    Würde mich freuen von dir zu hören.

    Lg
    Claudia

    Gefällt 1 Person

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