Perspektivenwechsel mit Andrea Dahm

 

Perspektivenwechsel mit Andrea

Als ich meinen Blog angefangen habe, war von Anfang an meine Vision, dass es nicht nur um meine Person und meine Erfahrungen gehen soll, sondern es auch eine Plattform für andere Amputees sein soll. Ich möchte die Möglichkeit für Andere eröffnen, dass sie über ihre Geschichte und den damit verbundenen Herausforderungen berichten und aufzeigen was ihnen geholfen hat ihr Leben wieder zu meistern. Denn mir persönlich hat es viel gebracht mich mit anderen Amputess auszutauschen und denke das es auch eine Inspiration für Andere sein kann.

Es freut mich sehr, dass ich für mein erstes Kurzinterview eine ganz besondere Powerfrau gewinnen konnte. Der ein oder andere kennt sie vielleicht aus dem Fernsehen. Dort hat sie bereits zweimal mutig ihre Geschichte bei stern.tv erzählt. Wir haben uns über facebook gefunden und dort auch schon seit einiger Zeit Kontakt gehalten. Vor ein paar Wochen haben wir uns zum ersten Mal persönlich getroffen und sie ist einfach ein supersympathischer Mensch und obwohl der Auslöser für unsere Amputationen unterschiedlich war, weißt unser Krankheitsverlauf viele Parallelen auf, sodass ich mich sofort mit ihr verbunden gefühlt habe. Es ist einfach toll, wenn man Jemand trifft mit dem man auf einer Wellenlänge ist und der versteht was man durchgemacht hat und aus eigener Erfahrung weiß, wie wichtig es ist Ziele im Leben zu haben und an sich zu glauben um diese zu erreichen. Überzeugt euch selbst und lest nachfolgend die Einblicke die uns Andrea in ihre Geschichte gewährt:

1) Was war der Grund für deine Amputation und seit wann bist du amputiert?

Am 14.03.2016 kam unsere zweite Tochter Charlotte mit einem medizinisch notwendigen Kaiserschnitt gesund zur Welt. Beim lösen der Plazenta erlitt ich über eine Monitorlänge einen Herzstillstand, mein Herz fing aber wieder selbständig an zu schlagen. Daraufhin kam ich für 2 Stunden zur Überwachung und durfte erst danach zu meiner Tochter.  Während dieser zwei Stunden hätte eigentlich ein Sandsack auf meinen Bauch gehört, da ich verhältnismäßig stark geblutet hatte, es aber wohl im ganzen Krankenhaus keinen verfügbaren gab!

Nach weiteren 2 Stunden auf Normalstation und nicht endenden Blutungen wurde ich nochmal in den OP gebracht. Angeblich nur eine Narbenkorrektur. Mein Herz hat noch gute 1 1/2 Stunden durchgehalten, dann hat es aufgehört zu schlagen. Sie konnten den Blutungsgrund nicht finden, haben mich komplett aufgemacht und alle Organe untersucht. Danach wurde ich händisch 2 1/2 Stunden mit Herzdruckmassage reanimiert, ich hatte eine fulminante Lungenembolie.

Der Rettungshubschrauber aus dem Klinikum Großhadern kam und ich wurde bei nicht verschlossenem Bauch und während der Reanimation an die ECMO (Herzlungenmaschine) angeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt wurde klar, dass ich bei der Geburt eine Fruchtwasserembolie erlitten hatte. Die Folgen sind Gerinnungsstörungen – auf der einen Seite läuft das Blut einfach aus dir raus, auf der anderen bilden sich zig Thromben und verstopfen Herz, Lunge etc. Ein Teufelskreislauf, den 90% der Betroffenen nicht überleben.

Ich habe es überlebt, aber mit gravierenden Folgen: ich lag 4 Wochen im Koma und auf Grund der kreislaufstabilisierenden Medikamente (zentrale Versorgung der wichtigsten Organe) sind mir Hände und Füße abgestorben. Aufgrund der Reanimationsverletzungen der Dickdarm und Teile meiner Bauchmuskeln.

Am 17.06.2016 erfolgte die Amputation beider Unterschenkel, am  21.06 die Amputation des rechten Unterarms und der linken Hand.

2) Was ist die größte Veränderung für dich mit der Amputation gewesen?

Ich war immer ein sehr autarker und sportlicher Mensch gewesen. Jetzt auf einmal auf Hilfe angewiesen zu sein war hart. Genauso schlimm, dass ich meine beiden Mädels nicht selbständig versorgen konnte. Ich kam am 2.12.2016 aus dem Krankenhaus mit knapp 45 kg bei 1,72 cm und konnte nichts alleine!!

3) Was ist dein größter Ansporn gewesen wieder fit zu werden bzw. fit zu bleiben?

Der größte Ansporn sind meine Kinder – ich wollte so nah wie möglich an mein altes Leben herankommen, vor allem, dass ich selbständig für mich und meine Mädels sorgen konnte!

4) Welchen Rat würdest du anderen Amputierten geben?

Es gibt keine Grenzen, die Grenzen setzten wir uns ganz alleine im Kopf!!! Jeden Tag einen Schritt mehr, der Glaube versetzt nämlich Berge – im Positiven wie Negativem.

Und: es Bedarf Mut – vernünftigem Mut!

5) Was möchtest du noch gerne loswerden und soll die Welt über dich erfahren?

Ich für mich habe es geschafft! 14 Monate nachdem ich entlassen wurde, versorge ich meine Kids (5 und 2 Jahre) autark und schmeiße den Haushalt. Meinem Mann ist es dadurch wieder möglich Vollzeit arbeiten zu gehen. Ich fahre Auto, Fahrrad, gehe wandern, baden, Sauna…und dass komplett ohne Rollstuhl. Trainiere mit einem Hund, der mal ein Assistenzhund werden soll und mich im Alltag unterstützt, allerdings noch nicht immer so wie ich es mir wünsche.

Was ich sagen will: das Leben ist überhaupt nicht schlechter, nur manchmal anders!

Eine bewegende Geschichte die Andrea hier mit uns teilt…da muss man erstmal ganz tief durchatmen und Alles sacken lassen. Ich mag an Andrea besonders, dass sie so authentisch ist und kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie jammert nicht und findet Wege sich die Dinge in ihrem Leben wieder zurückzuerobern die ihr wichtig sind. Auf der anderen Seite gibt sie auch offen zu, dass es ein harter Weg war und sie sich teilweise über den Rat der Ärzte und Orthopädietechniker hinweggesetzt hat, wenn sie von einer Sache überzeugt war. Zudem hat sie sich ihren Humor bewahrt und geht offen mit ihrer Geschichte um.

Liebe Andrea, du bist ein ganz toller Mensch und du kannst stolz auf dich sein! 🙂

Wie denkt ihr über die Geschichte? Findet ihr Parallelen zu eurer eigenen Geschichte? Ich freue mich über euer Feedback!

Oder vielleicht möchtet ihr auch gerne Teil meines Blogs sein und eure Erfahrungen mit Anderen teilen? Oder ihr kennt Jemanden von dem ihr denkt, dass es Anderen helfen könnte, wenn man mehr über die Person erfahren würde. Dabei ist nicht Voraussetzung, dass ihr superaktiv seid oder 24 Stunden am Tag mit Prothesen unterwegs seid. Jede Geschichte ist interessant solange eine persönliche Entwicklung dahintersteckt!

Ich bin gespannt auf eure Geschichten und freue mich darauf von euch zu hören.

Eure CarbonEla

(schaut auch auf meinem Instagram-Account vorbei unter carbon_ela findet ihr mich!)

2 Kommentare zu „Perspektivenwechsel mit Andrea Dahm

  1. Wow, da muss ich auch erstmal schlucken. Was eine heftige Geschichte, wirklich Respekt das sie das alles wieder gelernt hat nach nur 14 Monaten. Wahnsinn und manch einer (ich zb 😂) tut sich nach einer einzigen Beinamputation schon schwer in manchen Dingen zb Haushalt. Ich finde es einfach klasse und bewundernswert, liebe kann eben alles bewegen und liebe zu seinen Kindern erst recht. Und ich bin nun nicht mehr der Meinung, falls ich mal ein Kind bekommen sollte, möchte ich ein Kaiserschnitt oO. Ich glaube, dass das leider immer noch unterschätzt wird, merke ich grade.

    Alles Liebe und Gute für ihre Zukunft 😊❤️.

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