Perspektivenwechsel mit Mirco Schraml

Perspektivenwechsel mit Mirco

Im letzten Monat habe ich mein erstes Kurzinterview auf meinem Blog veröffentlicht und möchte mich für die vielen positiven Rückmeldungen herzlich bedanken bei euch! Auf meinen Aufruf, dass sich jeder Amputee gern bei mir melden kann, damit ihre/seine Geschichte auf meiner Seite veröffentlicht wird, haben sich einige Mutige gemeldet und darunter auch Mirco. Nachfolgend erzählt er uns seine Geschichte, welche hoffentlich den ein oder anderen von euch ermutigt sich bei mir zu melden und ebenfalls eure Geschichte mit uns zu teilen.

1) Was war der Grund für deine Amputation und seit wann bist du amputiert?

Ursache hierfür war ein vorausgehender Autounfall im Jahre 1999. Hier wurde mir unter anderem die Milz entnommen. Was ich bis 2015 leider nicht wusste und mir auch von ärztlicher Seite nicht gesagt bzw. aufgeklärt wurde ist, dass man nach einer Milzentnahme (ca. vier Wochen nach Entnahme) eine Impfung gegen Streptokokken und Pneumokokken benötigt. Durch die fehlende Milz ist das Abwehrsystem des Körpers geschwächt, somit ist hier eine Impfung nötig um bakterielle Erkrankungen vorzubeugen. Leider wurde es im Jahre 1999 versäumt mir diese Impfung zu geben bzw. mich aufzuklären. In 2015 habe ich mir eine bakterielle Infektion zugezogen wurde aber mit 40 Grad Fieber vom zuständigen Notfall-Ärztehaus nach Hause geschickt, mit der Begründung, dass ich meine Grippe zu Hause auskurieren soll. Das war natürlich ein fataler Fehler, Stunden später musste ich wieder ins Krankenhaus gebracht werden. Die anfänglich leichte Blutvergiftung hatte einen extrem schnellen Verlauf und ich fiel ins Koma. Man wusste nicht was los ist und verabreichte mir dann zehn Antibiotika gleichzeitig. Innerhalb kürzester Zeit verschlechterte sich mein Zustand gravierend. Die Beine wurden bereits schwarz und wurden nicht mehr durchblutet, sowie auch die Hände.  Zudem haben bereits die Organe versagt und das Herz musste auch schon reanimiert werden. Die Ärzte entschlossen sich die Amputation der Beine durchzuführen. Dies war die einzige Möglichkeit mich am Leben zu halten. Im weiteren Verlauf mussten wir dann auch die rechte Hand sowie Teile der linken Hand amputiert werden.

2) Was ist die größte Veränderung für dich mit der Amputation gewesen?

Als ich in Murnau aus dem Koma erwachte und ich feststellen musste, dass mir bereits die Beine amputiert wurden, traf mich natürlich der Schlag. Im Prinzip hat sich hier Alles verändert. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich mich nicht mal eigenständig bewegen bzw. essen etc. Mein komplettes Alltagsleben, sowie Berufsleben war völlig auf den Kopf gestellt. Ich hatte damals auch den Fehler gemacht und bei meiner Firma gekündigt, hatte jedoch schon was Neues in Aussicht, konnte aber diesen neuen Arbeitsvertrag nicht mehr unterschreiben. Somit stehe ich bis heute ohne Beschäftigung da. Ich musste mir eine neue halbwegs barrierearme Wohnung suchen. Finanziell wusste ich auch nicht wie es weitergeht. Zum Glück hatte ich eine private Berufsunfähigkeit für den Fall abgeschlossen, die jetzt auch greift. Doch zum damaligen Zeitpunkt wusste ich das nicht. Einfache Dinge wie Essen kochen, selbstständig leben, Prothesen anziehen, all die alltäglichen Dinge waren erstmal nicht mehr möglich. Ich musste nach und nach wieder  in das Alltagsleben hinein finden und musste versuchen die  Sachen anders zu machen. Hier war ich oft und viel auf fremde Hilfe angewiesen. Selbst Autofahren war zu diesem Zeitpunkt nicht möglich. Man konnte sich damals nicht vorstellen wieder selbstständig zu leben. Leider war dann auch in Sachen Beziehung das ganze durch dieses Schicksal ins Wanken geraten. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde hat sich zu guter Letzt auch noch meine Freundin von mir getrennt. Sie konnte aufgrund dieses großen Schicksalsschlags den Weg mit mir nicht mehr gemeinsam gehen. Dennoch hat mich das nicht aus der Fassung gebracht. Wichtig in dieser schweren Lage war immer mein starker Wille wieder zur Normalität, trotz Behinderung, zurückzufinden. Diese Hoffnung habe ich bis heute nie aufgegeben.

3) Was ist dein größter Ansporn gewesen wieder fit zu werden bzw. fit zu bleiben?

Wieder ein selbstständiges Leben zu führen und auf so wenig Hilfe wie möglich angewiesen zu sein. Das konnte mir damals keiner glauben und manch einer hat bei meiner sturren Art und meines Durchsetzungsvermögens vielleicht anfangs auch den Kopf geschüttelt. Ein sehr harter Weg war dann wie ich nach Hause gekommen bin und mich alleine in meiner Wohnung und meinem Umfeld zurechtfinden musste. Was ein sehr wichtiges Ziel anfangs war, war das ich wieder ein eigenes Fahrzeug besitze und wieder fahren kann. Es war kein leichter Weg, aber ich habe wieder mal bewiesen, dass wenn man will fast Alles möglich ist. Mittlerweile gehe ich auch wieder ins Fitnessstudio um einfach fit zu bleiben. Ich hab den Willen in irgendeiner Weise immer einen Schritt nach vorne zu kommen. Ich bin relativ viel mit meinem Prothesen unterwegs. Meine Freunde helfen mir so gut wie möglich dabei. Mein neuestes Ziel ist wieder Fahrrad zu fahren. Weiterhin möchte ich auch mal im Winter Skifahren versuchen.

4) Welchen Rat würdest du anderen Amputierten geben?

Ganz wichtig ist sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und man sollte sich trotz Behinderung nicht verstecken. Ich interessiere mich sehr für Eishockeysport, dadurch habe ich viele Freunde kennengelernt und verfolge das Ereignis wöchentlich. Hier sind viele Menschen die hilfsbereit sind und mich unterstützen. Es ist auch ganz wichtig an sich selbst immer wieder Tag für Tag zu arbeiten und sich immer wieder neue Ziele zu setzen. Ich persönlich gehe auch auf andere behinderte Menschen zu, die das Schicksal getroffen hat und versuche diese aufzumuntern. Wenn man dann später sieht, dass sich die Menschen die man bestärkt hat positiv entwickeln, freue ich mich darüber und denke vielleicht habe ich einen kleinen Teil dazu beigetragen.

5) Was möchtest du noch gerne loswerden und soll die Welt über dich erfahren?

Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass Menschen ohne Handicap auf Menschen mit Behinderung offener zugehen und wenn es nur darum geht dem behinderten Menschen Hilfe anzubieten. Leider sind viele Ichbezogen und grenzen behinderte Menschen aus. Ich würde mir eine Partnerin an der Seite wünschen, aber meine Behinderung schreckt die meisten Frauen ab. Ich wünsche mir zudem, dass das stellen von Hilfsmittelanträge ect. einfacher wird und einem diese Hilfsmittel nicht oftmals verwehrt oder Vieles abgelehnt wird. Wir Menschen mit Behinderung benötigen diese Sachen um weiter vorwärts zu kommen und das Leben ggf. etwas leichter zu haben. Ich ärgere mich immer darüber warum Hilfsmittel abgelehnt werden. Man beantragt ja nichts, was man nicht benötigt.

 

 

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